Ulla Walter

 

Zur Webseite.

 

Zum Artikel von Ulla Walter über die Ausstellung im Potsdam Museum:
„Umkämpfte Wege der Moderne - Wilhelm Schmid und
Novembergruppe"

„Umkämpfte Wege der Moderne - Wilhelm Schmid und die Novembergruppe“                   
zur aktuellen Ausstellung im Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte

 

Das Potsdam Museum verdichtet sein Profil auf labyrinthischen Wegen; nicht streng dem Mainstream folgend. Die eigene Museumphilosophie lenkt die Forschung nach Spuren des Aufbäumens und der Dramatik im nachvollziehbaren Vergessen. In akribischen Aufarbeitungen werden mittels Ausstellungen und bedeutsamen Katalogen die Entwicklungslinien von Beständen und Verkanntem einprägsam gemacht. Der engagierte Geist der Museums-Leitung zielt absolut auf einen die Kunst, die Geschichte und die Jetzt-Zeit vereinenden Impuls. Und wer also die Ausstellung „Umkämpfte Wege der Moderne - Wilhelm Schmid und die Novembergruppe“ besucht, darf zum Entdecker werden; auf dem Feld des Unverhofften. Eine behutsame Auswahl von Exponaten mit spannenden Interpretationsverknüpfungen macht das Thema zum Kleinod. Oder, zur „besinnlichen Sensation“! Für uns wären jene Veränderungen gesellschaftlicher Wahrnehmung kaum noch vorstellbar. Was würden wir ohne die wertvollen Zeugen empfinden, die uns Zeitdokumente mit all den Einschnitten und Brüchen vermitteln und ohne deren stilistische Bildschöpfungen und Aufrufe, die die Ausstellung in lesbare Prozesse splittet? Dr. Jutta Götzmann und Dr. Thomas Stein, den beiden Kuratoren und ihrem Team, ist durch assoziative Form- und Inhaltsbezüge eine außergewöhnliche Präsentationbalance gelungen!

 

Dunkelblaugrüne Farbdominanz lotet die Räume in ihren Tiefen aus. Sie vereint die teils von weit her entliehenen Werke, und die mutige Farbwahl macht es den Inhaltstafeln leicht, ihre Botschaften leuchtend orange, spitz und auffordernd komplementär „hineinzuschneiden“. Passend zu Schmid. Passend zur Novembergruppe und zu deren Programm. Sie wollten Kunst in die Gesellschaft tragen. Sie wollten die Kunst dem angestaubten Mief entgegensetzen, der vor der Urkatastrophe des Ersten Weltkriegs die Welt der doch so anständigen Bürger in ästhetische Nettigkeit einlullte.

 

Neben Architekturzeichnungen und Plänen von Schmid, die das Konstruktive der Ausstellung unterstützen, „rufen“ einige Malereien grell von den dunklen Wänden. Provokativ. So, wie sie gehört und gesehen werden wollten. Ihre Kunst wollte nicht mehr „gefallen“, und Provokationen nimmt man wahr! Sie bleiben in den Köpfen hängen, wie die Wucht der Farben und Formen, die in der Ausstellung historische und gleichfalls aktuelle Signale setzt. Lässt sich der Besucher nunmehr mit Neugierde auf den zum Mitdenken auffordernden Rundgang ein, fühlt er sich, als sei er vor ein detailreiches, umfassendes, expressives Gesamtbild getreten - mit fast utopisch wirkender Modernität.

 

„Umkämpfte Wege der Moderne“ darf man wie ein Zeitzeugnis lesen. Bei intensiverer Betrachtung meldet sich aber auch eine im Wortspiel verborgene Ironie des relativ jungen Standorts; denn es verwundert mittlerweile die Zahl derer, die noch nicht den Katzensprung vom Hauptbahnhof oder anderen nahegelegenen Sehenswürdigkeiten bis zum Potsdam Museum wagen, um dort Großartiges zu erfahren. Enthusiasmus vermag es aber zum Glück, sich an eigenen Zielen zu stärken. Das wäre allein schon am wissenschaftlichen Auftrag. Die Ausstellungen im Potsdam Museum sind dabei auf ganz besondere Art spektakulär. Sie bestätigen nicht risikofrei Bestätigtes; was für ein Museum eher selten zutrifft. Die feinfühlig ausgehobenen Sichten werden mit Themen der Jetztzeit konfrontiert. Wie eine neu aufgewühlte Kraft, rüttelt dieser Mix unter anderem auch indirekt am Fragezeichen zu Kunstmarkt-Mechanismen, die schließlich nicht zum energetischen Schritt für gesellschaftliche Veränderung werden wollen. Man begreift Ideengeburten auf steinigen und umkämpften Wegen mit diesem Denkhintergrund nochmal anders. Blickt man auf die Programme und ausgestellten Werke der Künstler der Novembergruppe, baut sich vor einem folgende Vision auf: was wäre alles in Gang gekommen, und wie hätten sich möglicherweise die Kräfte dieser Gruppe eingebracht, hätte ihre Einteilung in die „Entartete Kunst“ nicht den Zusammenhalt der Gruppe, ihre Produktionsstätten und ihre Schaffens- und auch Lebenswege zerstört? Beinahe hätten wir viel zu wenig von ihnen erfahren. Diese Erkenntnis gräbt sich dem Besucher der Ausstellung ein, und damit ist ein Dank gegenüber dem Museum verbunden.

 

 

 

Ulla Walter

 

 

 

20.11. 2018